~für die Tonne~

Veröffentlicht auf von p.

Noch 19 Tage.

Gestern, wieder mal einer der Spätdienste, die man schon von vorneherein getrost in die Tonne kloppen konnte. Wenn nach einem Wochenende im Übergabebuch bei meinen Patienten schon vier Mal der Begriff AZ schlecht steht, dann kann der Dienst nichts werden.

Patientin Eins vor zwei Tagen gestürzt, offene Wunde am Arm, nicht verbunden worden. Wieso - das weiß man nicht. Dummerweise hatte ich nichtmal das passende Material im Auto - und auch leider keine Vorabinformation, so dass ich aus dem Büro etwas hätte mitnehmen können - also nach Dienstende quasi schonmal eine zweite Anfahrt einplanen.

Patienten Zwei erstmal nicht zuhause - schönes Wetter ausnutzen und mit Töchterchen spazieren fahren.

Patient Drei kann akut nicht mehr aufstehen, trinkt nichts, isst nichts. Medikamente einnehmen? Geht gar nicht. Also vielleicht doch eher Infusionen statt Pillchen.

Patient Vier hat nichts mehr zu Futtern im Haus, weil die Lebensgefährtin das irgendwie vergessen hat. Immerhin - der Kater hatte noch einen Becher voll mit Trockenfutter ..

Patient Fünf durch die Mediänderung und einer zusätzlichen Injektion heute so mit Morphin abgeschossen, dass er ausser dümmlich grinsen und mit wackeligen Knien durch die Gegend torkeln nichts anderes mehr auf die Kette bekommt.

Patient Sechs so starke Rückenschmerzen, dass er sich kaum bewegen kann, nichtmal die erhöhte Medikation noch die Bedarfspillen helfen irgendwas.

Patientin Sieben liegt dann praktischerweise direkt im Sterben. In der Wohnung eine Massenansammlung von Angehörigen und Freunden, diversen weinenden Kindern und einer Schwester, die eine Menge Fragen zum weiteren Verlauf hat. Nein, ein Druckgeschwür am Hintern ist jetzt nicht mehr das Problem. Nein, Mutti wird jetzt auch nicht verhundern oder verdursten, weil sie seit gestern quasi schläft. Nein, sie hat wohl keine Schmerzen - zumindest sieht man ihr das nicht an. Ja, die kalten Füße sind normal jetzt. Ja, die kurzen Atempausen auch. Und ja, natürlich können Sie uns anrufen in der Nacht. Wir informieren dann auch die zuständige Ärztin und kommen vorbei. Versprochen.

Patient Acht kämpft mit der Infusion, seinen Schmerzen und den nicht vorhandenen Deutschkenntnissen. Dummerweise spreche ich auch kein russisch. Medikamente für die Infusion sind netterweise kaum noch vor Ort, vollständig schon gar nicht. Immer wieder toll, wenn man sieht, dass Kollegen vor den Feiertagen nicht mehr in der Lange sind, bis drei zu zählen und für ausreichend Material zu sorgen. Ich war noch selten so dankbar über den ollen Koffer, den O. mir gebastelt hat ..

Patientin Neun hat Sodbrennen, Durchfall weil sie zu viel Abführmittel bekommen hat, Depressionen weil ich keinen Apfel und die Banane und das Duplo und die Bonbons mitnehmen will. Die Tochter hat schlechte Laune, weil am Wochenende wohl bei allen drei Anfahrten jemand anders gekommen ist, gestern Mittag dann aber wohl niemand da war, weil sie den für kurz nach zwölf geplanten Einsatz um halb zwei dann abgesagt hat und Mutti alleine versorgt hat - die gute Frau musste dank Durchfall nämlich mehr als dringend auf den Pott.

Patientin Zehn schläft dank geschickter Medikation tief und fest, wird nur kurz auf die andere Seite gedreht, weil alles andere viel zu viel Stress machen würde. Dafür vermutet der Ehemann immernoch Lustlosigkeit unsererseits, wenn wir die Versorgung so weiter 'runterfahren, dass nur noch das nötigste bzw. das, was ihr gut tut, gemacht wird. Aber ehrlich - wenn ich sterbend in meinem Bett liege, muss ich auch keine Grundreinigung zwei Mal am Tag von oben nach unten haben. Da bin ich froh, wenn ich liegen kann und ich keine unnötige Anstrengung habe.

Auf dem Rückweg zum Büro dann noch mit N. auf einem dunklen Parkplatz an der A45 getroffen, damit sie wegen den Schlüsseln nicht extra in's Büro muss, sondern direkt nach Hause fahren kann. Ihr Dienst war mindestens so chaotisch wie meiner - das Bedürfnis nach einer Menge Alkohol steht uns beiden in's Gesicht geschrieben.

Auf dem Weg nach Hause dann noch eben bei Patientin Eins vorbei und den Arm provisorisch umwickelt - damit sind dann wahrscheinlich alle glücklich für heute und ich komm endlich nach Hause zu meinem Bier und einem Film.

Danke für diesen entspannten und ruhigen Osterfeiertag ...

Veröffentlicht in ~@work~

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