~... ihr Lächeln, dass ich nie vergessen werde~

Veröffentlicht auf von p.

Ich habe kurz überlegt, ob ich dazu wirklich etwas schreiben soll - eigentlich lese ich meine Bücher stillschweigend, verfasse zumindest keine öffentlichen Rezessionen (den konnte ich mir jetzt allerdings nicht verkneifen) darüber. Geschmäcker sind bekanntlich äußerst verschieden und das ist auch gut so. Was der Eine bei Feuerperlen von Linda viel zu hart fand, war für mich genau die richtige Mischung. Was die Andere bei Shades of Grey für total toll und realistisch fand, war für mich eher .. nunja. Nett.

Ein eben gelesenes Buch hat mich allerdings stellenweise so sehr im negativen Sinn aufgeregt, dass es mir auch einige Zeit später noch nicht aus dem Kopf geht. Seltsamerweise bin ich damit aber sowas von in der Minderheit, dass ich schon überlege, ob ich beim Lesen etwas falsch gemacht habe. Vier bis fünf Sterne wohin man auch blickt.

Eine Bekannte hat mir den Titel vor längerer Zeit genannt - sie hätte das Buch gelesen und fand das so berührend, dass sie der Meinung war, das wäre bestimmt auch etwas für mich. Schon alleine berufsbedingt. Es geht um ein Mädchen, dass im Alter von 11 Jahren eine Tumordiagnose bekommt. In dem Buch beschreibt die Mutter, wie sie die Zeit erlebt hat, was alles passiert ist und was sie alles mitmachen mussten, bis ihr Kind dann nachher doch im Alter von 12 Jahren verstorben ist.

Natürlich ist die Frage, ob man so etwas überhaupt lesen muss. Ich frage mich immer wieder, wie bekloppt die Menschheit mittlerweile geworden ist - Angehörge, die so etwas nach Außen tragen .. und die Leser, die scheinbar sensationslüstern die Bücher kaufen. Es ist keine erfundene Geschichte, keine Fiktion. Wir reden über die Realität. Und wer bitte möchte da mitbekommen, wie ein so junges Mädchen stirbt?

Aber gut, es gibt dieses Buch, es soll lesbar und berührend sein - okay. Ich gebe zu, ich bin neugierig. Zum Einen, ob mich emotionale Heulsuse das Ganze auch so packt, zum Anderen bekomme ich vielleicht so die Antwort darauf, warum solche Bücher so oft veröffentlicht werden in letzter Zeit.

Nach den ersten Seiten war mein Blutdruck dann auch schon bei 180. Nicht vor Rührung .. sondern vor Fassungslosigkeit. Vielleicht sollte ich noch vorher erwähnen, dass ich der Mutter ihre Trauer nicht absprechen möchte. Ich weiß, dass die sie keinerlei medizinische Vorkenntnisse hat. Ich weiß auch, dass die palliative Versorgung zuhause teils immer noch in den Kinderschuhen steckt. Ich kann nachvollziehen, dass man nicht mehr wirklich rational reagiert und der Verstand Pause macht, wenn auf einmal die eigene Familie betroffen ist - egal welcher Teil davon.

Aber: wenn ich ein Kind habe, dass seit geraumer Zeit Kopfschmerzen hat, über Schwindel, Übelkeit und tränende Augen klagt und das über einen Zeitraum von Wochen, der Arzt ständig nur sagt, sie hätte was mit'm Kreislauf, wäre unterzuckert, hätte zu viel Tv geschaut etc .. was hindert mich daran, mein Kind in ein Krankenhaus zu verfrachten? Oder zu einem anderen Arzt, der sie anständig untersucht und nicht davon ausgeht, dass sie in dem Alter schon nichts schlimmes haben wird?

Spätestens wenn mein Kind lallend und kaum noch ansprechbar im Bett liegt .. dann diskutier ich nicht mit ihr sondern verfrachte sie direkt in den nächsten Krankenwagen. Oder wenn sie deutlich desorientiert ist - dann lasse ich das abklären und höre nicht auf ein Ich will aber nicht in's Krankenhaus. Dazu muss ich kein medizinischer Vollprofi sein .. dazu gehört nur ein wenig gesunder Menschenverstand.

Der nächste Punkt, der mich tierisch aufgeregt hat, war die Tatsache, dass der Kurzen nicht die Wahrheit gesagt wird. Immer nur kleine Bröckchen .. aber nicht, weil sie zu klein ist, um das zu verstehen .. sondern weil die Eltern zu feige sind und nicht wissen, wie sie es ihr sagen sollen. Ein Gespräch mit dem Arzt steht an .. und die Eltern erklären ihr, dass sie in die Stadt gehen, um für den Vater eine Hose zu kaufen. Ich mein, hallo? Auch mit 11 oder 12 hat sie ein Recht zu erfahren, was mit ihr los ist .. es ist ihr Körper, ihr Leben, sie geht durch die Chemotherapie oder die Bestrahlung, sie hat die Schmerzen und fühlt sich schwach, es sind ihre Haare, die weg sind. Und dann bekommt sie nichtmal die Wahrheit komplett gesagt, wird stattdessen noch angelogen? Wieso, aus welchem Grund nicht? Wird sie für so blöd gehalten, dass sie nicht selbst merkt, was mit ihr passiert? Dabei wird sie als intelligentes, vernünftiges Mädchen beschrieben.

Später im Buch, mit fortschreitender Krankheit, kommt eine Szene, in der sie auf einmal nur noch in Zahlen antworten kann. Auch hier . kein Krankenwagen. Stattdessen fährt die Mutter alleine mit ihr zum Krankenhaus. Der Vater kommt nicht mit - er muss ja arbeiten gehen.

Noch später im Buch - das Mädchen wird immer schwächer und schwächer .. und Mutti kommt auf die Idee, sie mal auf's neue Fahrrad zu setzen??

Auch das Verhältnis zu ihrem Bruder - die Mutter macht ihm Vorwürfe, weil er nicht helfen, sich nicht kümmern kann? Regt sich über den Satz auf, dass ihr Bruder ja auch zwei Kinder hätte .. ob ihr wohl in dem Moment oder später nur ein einziges Mal der Gedanke gekommen ist, dass er Angst hatte? Nicht nur um seine Nichte .. auch um seine Kinder? Der Moment, wenn einem bewusst wird, dass diese verfickte Krankheit nicht nur alte Menschen betrifft, sondern ganz schnell auch das Leben des eigenen Kindes beenden kann? Sie selbst hat ebenfalls Angst .. macht aber dem Bruder Vorwürfe?

Der Pflegedienst wird abbestellt - sie könnten ja alles alleine. Warum nimmt man dann da die Hilfe nicht an?

Und immer wieder die Aussage, was sie gerade mitmache, das könne niemand nachvollziehen ..

Ich frage mich ernsthaft, ob das Buch vor der Veröffentlichung niemand gelesen hat. Oder es wurde gelesen und beschlossen, dass das Thema an sich so tragisch ist und jeder vor Mitgefühl zergehen wird, so dass man auf solche Dinge nicht mehr achtet? Und damit meine ich nicht einmal den völlig einfachen Schreibstil, der sich teilweise wie lieblos dahingeworfen liest.

Wie oben schon gesagt, ich kann irgendwo nachvollziehen, wie schwer das alles ist. Und ich ziehe den Hut vor jedem, der eine Sterbebegleitung machen kann - gerade wenn's die eigenen Angehörigen .. und noch schlimmer, die eigenen Kinder sind. Oder auch wenn bei der Diagnosestellung oder Behandlung diverse Dinge ganz fürchterlich schief laufen, wie in diesem Fall. Trotzdem gibt es diverse Abschnitte, die nur ein ungläubiges Kopfschütteln als Reaktion hervorrufen.

Ja, auch ich habe natürlich Rotz und Wasser geheult. Anschließend, quasi am Ende des Buches. Aber zwischendrin? Bin ich irgendwie schon zu abgehärtet, dass ich mich mehr wundere und aufrege, als dass ich mitleide oder erschüttert den Kopf schüttel? Bin ich beruflich zu sehr drin, dass ich mehr auf die medizinischen Fakten als auf das Gefühl achte? Ich weiß immer noch nicht, wieso eine Mutter so ein Buch schreibt und es veröffentlicht. Was bezweckt sie damit? Ewig andauerndes Mitleid? Trauerbewältigung? Wäre letzteres nicht in Tagebuchform, in Gesprächen mit der Familie oder einem Arzt sinnvoller?

Ich weiß dafür für mich - keine derartigen Bücher mehr. Vielleicht liegt's wirklich am Beruf.

Veröffentlicht in ~lesbar~

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Conny 06/23/2013 13:58

Hi Süße,
danke für die Leseprobe.;-))Ich hatte es schonmal in der Hand,aber nie gekauft.
Ich denke das es eine Art von Schmerzbewältigung ist und ihr vllt.die Menschen in ihrer Umgebung nicht mehr zuhören wollen,weil sie einfach eine andere Art haben mit der Trauer umzugehen.
Ich als Mutter sehe es ähnlich wie du und würde keine Ruhe geben bis ich nicht sicher wüßte was meinem Kind fehlt.Ich hätte heute ein Kind weniger wenn ich nicht auf meinen Mutterinstinkt gehört
hätte.Heute lass ich mir auch von keinem darein reden wenn ich mir nicht sicher bin.Bisher hat mich mein Bauchgefühl nie betrogen!
Mein erster Freund ist mit 14 an Krebs verstorben und er wurde nie darüber im unklaren gelassen was mit ihm geschieht und warum.Ich denke das jedes Kind ein Recht darauf hat zuerfahren was gerade
geschieht und egal in welchem Alter.Es macht einem Kind wahrscheinlich mehr Angst die Veränderungen zuerleben ohne zu wissen warum.

P.S.Eigentlich wollte ich ja nur mal schauen was du so machst,aber an dem Thema vorbeischippern ging nicht wirklich.
Ich hoffe bei dir ist sonst soweit alles gut.
lg Conny

P. 05/13/2013 19:56

... und dabei ist ein blog noch verhältnismäßig anonym. Da kann ich zwar eine Menge beschreiben, aber eigentlich weiß doch niemand, wer ich bin oder wer mein Kind ist.
Wie gesagt, "Tagebuch" schreiben mit allem, was man erlebt und erlebt hat, mitgemacht hat .. ja, das mag helfen. Aber öffentlich? Ein Buch, mit allen Namen, Fotos? Was bewirkt das? Für mich wirkt
das mehr wie unbedingtes erhalten wollen von Aufmerksamkeit und Mitleid.
Aber vielleicht sind die Menschen dann doch wieder so sehr verschieden, dass der Eine "alleine" versucht klarzukommen und die Andere dringend Aufmerksamkeit braucht ..
Ich weiß es nicht.

Cityslicker 05/13/2013 17:47

Hmmm, ich hab mal ein Blog mit der selben Thematik gefunden.
Allerdings war das Kind da wohl noch kleiner.
Ich muss sagen: Für mich wäre das nix, meinen sicherlich vorhandenen Schmerz so nach aussen zu tragen und in der Öffentlichkeit auszubreiten. Wenn du weisst, dass dein Kind nicht mehr lange zu
leben hat...na, ich weiss nicht.
Vielleicht war's für die Eltern (glaub, die Mutter hat das geschrieben) ja so 'ne Art Therapie. Ich würd wahnsinnig werden, wenn da zig Kommentare eintrudeln und dich jedesmal an die Scheisse, die
du grad durchlebst, erinnern, auch wenn's dir grad mal etwas besser geht zwischendurch.