~Und sie wissen doch, was sie tun~

Veröffentlicht auf von p.

Ich bin immer noch der festen Überzeugung, Demenz gibt es nicht. Das ist nur eine Testerkrankung, um das Pflegepersonal auf die Probe zu stellen. Ehrlich. Wahrscheinlich will der MDK damit nur kontrollieren, ob wir auch lieb mit den Menschen umgehen.

Beispiel gefällig?

Frau Irmgard. Diagnose - Demenz. Aber völlig. Kreischt die halbe Nachbarschaft zusammen, wenn es darum geht, einmal in der Woche zu baden. Da wird mit Polizei gedroht, da wird mit einer Klage gedroht, sie will die Cheffin anrufen und sich beschweren, sie geht zur Zeitung, zum Fernsehen, man dürfte ihre Wohnung nie, nie wieder betreten, man sei doch das Letzte auf der Welt, eine alte Frau so zu schikanieren, sie könne schließlich alles alleine (kann sie eben nicht) .. es gibt also nichts, was man nicht schon irgendwie dort gehört hätte. Die gute Dame wird gelegentlich sogar etwas handgreiflich, wirft mittags auch schon mal gerne mit ihrem Essen durch die Gegend - ich erinnere mich gerne an die 5 Königsberger Klopse, die ich durch die ganze Küche verteilt wieder einsammeln durfte.

Diese gute Dame ist aber auch diejenige, die einen mittags wieder mit den Worten begrüßt: "Ach, hallo Schätzelein, das ist aber schön, dass du mich besuchen kommst. Ich sehe dich ja soo gerne, möchtest du einen Keks?" Wohl bemerkt, solche Aussagen kommen nach den ganzen wüsten Beschimpfungen am Morgen. Direkt danach. Also quasi zwei, spätestens drei Stunden danach. Diese Frau hat also, wie es ihre Erkrankung vermuten lässt, ein relativ unbrauchbares Kurzzeitgedächtnis.

Kommen wir also zu meiner Anfangsvermutung, das ganze sei nur eine Testerkrankung.

Eben jene Frau, die schon drei Stunden später nicht mehr weiß, was passierte, spielt in meiner Beweisführung die Hauptrolle.

In unserem Spätdienst fahren wir zwei Mal zu ihr .. einmal zum Tabletten geben .. und dann später nochmal, um nachzusehen ob alles in Ordnung ist und ob sie "sicher" in's Bett kommt. Letztere Anfahrt ist immer etwas schwierig .. weil wie macht man einer Frau begreiflich, dass man nur kurz nach dem Rechten sehen möchte, die aber steif und fest behauptet, sie bräuchte keine Hilfe? Man greift also nach kleinen Notlügen. Ich entscheide mich dabei meistens für die Variante "Schlüssel vergessen". Dabei bleibt sie lieb, schimpft nicht, wünscht mir anschließend noch viel Erfolg bei der Suche. Dank nur spärlich vorhandenem Kurzzeitgedächtnis lässt sich diese "Ausrede" also auch täglich anwenden.

Vor einiger Zeit, ich hatte eine Woche lang Spätdienst, habe ich diese Schlüssel - Ausrede von Montag bis Donnerstag genutzt, jeweils ohne größere Probleme. Freitag kam ich dann (warum auch immer) auf die Idee, meine Besuchsbegründung zu verändern. Ich erklärte Frau Irmgard also, dass ich nur noch eben vorbei gekommen bin, weil ich nachmittags vergessen hätte, auf dem Leistungsnachweis zu unterschreiben. Sie lächelt verstehend .. lehnt sich dann an den Türrahmen, guckt mich an und grinst. "Komisch, erst vergessen Sie die letzten Tage jeden Tag einen Schlüssel bei mir .. und heute vergessen Sie zu unterschreiben? Sie sind aber ganz schön vergesslich für ihr Alter!"

*rumms* Der saß. Ohne Ankündigung direkt ein k.o. - Schlag. Nein, ich konnte für den Moment nichts mehr sagen .. habe sie nur verwirrt und verständnislos angesehen, ihr noch eine gute Nacht gewünscht und mich schleunigst auf den Weg zur Tür gemacht. Sowas macht mir irgendwie Angst ..

Die nächsten Wochen war dann Ruhe, keine weiteren Erinnerungen mehr, die völlig aus dem Rahmen fallen.

Bis vorgestern. Dieses Mal passierte es schon bei der ersten Anfahrt. Es sei noch angemerkt, dass Frau Irmgard einen Satzschatz von vielleicht  dreissig oder vierzig Sätzen hat. Also es wiederholt sich alles ständig. Wenn man bei einer Mahlzeit dabei bleibt, fragt sie ungefähr zehn Mal, ob es draussen kalt sei. Es ist auch egal, was man darauf antwortet .. ihre Reaktion bleibt die gleiche .. und nach weniger als zwei Minuten stellt sie die Frage erneut.

Dienstag also, wir sitzen beim Abendbrot. Zum vierten Mal kommt die Frage, ob es kalt draussen sei. Zum vierten Mal kommt die Antwort, dass es eigentlich ganz angenehm sei, immerhin stehe die Sonne am Himmel. Frau Irmgard setzt sich aufrecht hin und legt wieder dieses seltsame Grinsen auf. "Also, die anderen Mädchen vom Pflegepersonal, die mich immer versorgen, frieren immer, denen ist immer kalt!" Während ich noch versuche, diese Aussage irgendwie zu verdauen und gedanklich einzusortieren, sinkt Frau Irmgard wieder etwas in sich zusammen und beschäftigt sich mit ihrer Scheibe Brot. Weniger als eine Minute später dann die Frage "Ist es kalt draussen?"

Nein, ich konnte noch nicht antworten. Frau Irmgard benutzt solche Ausdrücke wie "Pflegepersonal" oder "versorgen" nicht. Normalerweise. Außerdem hat sie recht .. meine lieben Kolleginnen frieren ständig und andauernd, wie ich eigentlich auch. Aber woher weiß sie das? Wieso muss sie ausgerechnet mir das wieder mitteilen?

Die zweite Situation, in der sie mich kalt erwischte. Weitere werden folgen, da bin ich mir ziemlich sicher.

Und da will mir jemand verübeln, dass ich das alles nur für einen Test halte? *pfffffft*

Veröffentlicht in ~@work~

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Mika 07/07/2011 14:33


Ich find das lesenderweise grad sehr gruselig. OO Kleine Schizo-Omi? Wer weiß, was sie mit den anderen Mädels vom Pflegepersonal alles anstellt, wenn der schwarze Pudel an der Reihe ist?
Ich les ma weiter, vl kommt ja noch was von ihr. ^^


p. 02/24/2011 21:24


Ehrlich, es klingt "schlimmer" und anstrengender als es ist. Mit ausreichend Humor geht alles. Dann nimmt man selbst solche "Drohungen" nicht ernst.


anja 02/24/2011 17:16


Du hast meinen Respekt, dass du so einen Job überhaupt meisterst. Ganz ehrlich... und es klingt echt heftig, was das abgeht, aber das ist so ein Grund, so was nicht zu machen - weil ich's nicht
könnte...