~Bleibendes~

Veröffentlicht auf von p.

Vor dem Urlaub habe ich mich noch mit den Worten verabschiedet "Wir sehen uns in zwei Wochen wieder .. mach mir keine Dummheiten bis dahin!" ... doch unglücklicherweise sollte es nicht mehr dazu kommen.

Kurz vor meinem Urlaub hat Frau B. erst wirklich realisiert, was mit ihr passiert, hat erstmals nach einem klärenden Gespräch mit dem Arzt verstanden, wie es um sie steht. Scheinbar hat vorher im Krankenhaus niemand wirklich über ihre viel zu kurze Zukunft gesprochen .. oder sie haben sich einfach nicht vergewissert, dass sie es auch verstanden hat. Das erklärte auch die seltsamen Äusserungen von ihrer Seite .. und das gespannte Warten auf die ersten positiven Zeichen einer Verbesserung bzw. Genesung.

Am vorletzten Wochenende hat sie sich nach einem weiteren Gespräch mit ihrem Arzt und einer rapiden, deutlichen Verschlechterung ihres Zustands doch dazu entschieden, von zuhause aus - und in ein Hospiz zu ziehen. Natürlich hätten wir die Pflege auch zuhause übernehmen können .. aber ein gewisser Teil wäre eben doch an der mittlerweile nervlich deutlich überforderten Mutter hängen geblieben (die zu allem übel vor knapp einem Jahr erst ihren Mann durch einen bösen Tumor verloren hat).

Mein Lieblingsfauli, die zum Glück während meiner Abwesenheit die Pflege dort übernommen hatte, erzählte mir ausserdem, dass Frau B. mittlerweile während der Wundversorgung teils schon fast hysterische Weinanfälle hatte ... verständlich. Bei vollem Bewusstsein mitzuerleben, dass man vielleicht nur noch wenige Tage zu leben hat .. ich wäre auch nicht mehr die Ruhe in Person. Von daher war es schon ganz gut, dass sie dann an einem Ort war, an dem sie wirklich direkte 24 - Stunden - Betreuung hatte.

Bis kurz vor Schluss weigerte sie sich immer noch, Morphine gegen die Schmerzen zu nehmen oder sich etwas gegen die Panikattacken bzw. die Angst geben zu lassen. Nein, sie wollte nicht wegdusseln. Alles, nur nicht schläfrig werden. Erst in der letzten Woche stimmte sie schließlich zu, es zumindest mit 2 x 10mg Morphin am Tag zu versuchen. Das linderte wenigstens die Schmerzen .. die Angst konnte ihr aber leider nicht ganz genommen werden. Ein wenig beruhigter war sie jedoch durch die Betreuung im Hospiz.

Ich wollte sie eigentlich letzte Woche schon besuchen. Mit ihr schimpfen, ob sie wirklich der Meinung sei, sich einfach so aus dem Staub machen zu können, während ich in der Sonne liege. "Komm ruhig vorbei, ich bin ja hier .. kann ja schließlich mit den dicken Beinen eh nicht weit rennen!" .. das sagte sie immer zu mir, wenn ich mit ihr die Uhrzeiten für den nächsten Tag absprechen wollte.

Nur irgendwie kam in der letzten Woche alles mögliche dazwischen. Mein spontaner Zweitwohnsitz beim Zahnarzt, die beiden ersten Arbeitstage .. ich dachte eigentlich, ich könnte den Besuch auf diese Woche verschieben ..

Heute mittag war ich kurz im Büro und wurde von O. gefragt, ob ich nicht eben zu der Familie fahren könnte, das Material dort abholen ...

In der Nacht von Freitag auf Samstag ist Frau B. im Hospiz verstorben. Relativ ruhig sei sie eingeschlafen .. und scheinbar zumindest schmerzfrei. Zwar war sie in dem Moment alleine .. aber die ganzen Tage vorher war die Familie von morgens bis abends bei ihr.

Gedanklich bleibt gerade die Tatsache hängen, dass sie erst 56 Jahre alt war, dass sie seit noch nicht ganz anderthalb Jahren mit ihrem Tumor gekämpft und schließlich doch verloren hat, dass schon wieder eine vorher gesunde und lebensfrohe relativ junge Frau ziemlich brutal aus dem Leben geholt wurde, ohne dass sie sich wirklich darauf einstellen konnte.

Zurück bleibt das Bild der weinenden Mutter und der Geschwister, die innerhalb von knapp einem Jahr zwei Familienmitglieder durch Krebs verloren haben.

"Kein Kind sollte vor ihren Eltern sterben" ...

Zurück bleibt das Bild von ihr, wie sie in ihrem Bett liegt und mich angrinst, während sie mir einen schönen Urlaub wünscht. Zurück bleiben die Erinnerungen an sämtliche Buchvorschläge, die sie mir gemacht hat .. wusste sie doch um meinen Lesewahn. Zurück bleibt die Erinnerung an ihr Lachen, als ihr Schwager mir ein schwarz - gelbes BorussiaOsterei in die Hand drückt und mir einen guten Appetit wünscht.

Lieblingsfauli sagt, ich solle mir keinen Vorwurf machen, dass ich den Besuch bei ihr auf diese Woche verschoben habe. Es sei besser, ich könne sie so in Erinnerung behalten, wie sie vorher war. Vielleicht ist es besser .. aber es bleibt ein ganz fieser Nachgeschmack. "Hätte" .. "wenn" ... nur hilft es jetzt nicht mehr.

Zurück bleibt auch die Erinnerung an die Tränen der Mutter, während sie sich für die letzten Monate bedankt. Wer in solchen Zeiten fast täglich mindestens eine Stunde vor Ort war, steht nicht nur distanziert neben der Familie sondern wird in solchen Momenten ein winizg kleiner Teil davon.

Es ist noch kein Trost (und ich heule mir grad echt übelst die Augen aus dem Kopf) .. aber wenn die ersten Tränen weg sind  .. dann bleibt auch ein Gefühl der Dankbarkeit, dass ich sie kennenlernen konnte und das unbeschreibliche Gefühl, dass ich ihr in den letzten Monaten wenigstens etwas zur Seite stehen konnte. Es klingt unglaublich kitschig .. aber so weh das grad auch tut .. irgendwie ist auch wieder genau das der Grund, warum ich in der Pflege arbeite.

Veröffentlicht in ~@work~

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Mika 05/18/2012 06:10

Oh man.. sowas ist gemein und böse. Herzliches Beileid von meiner Seite. :/