~Wie konntest du nur~

Veröffentlicht auf von p.

Es war an einem regnerischen Morgen, als du deinem täglichen Lauftraining nachgingst und durch das kleine Waldstück in der Nähe deines Hauses joggtest. Plötzlich hörtest du mein klägliches, leises Maunzen aus dem Unterholz. Neugierig gingst du dem Geräusch nach und entdecktest in dem kleinem Tümpel die Tüte, aus der ich versuchte mich zu befreien.

Du öffnetest sie und ich sah dich, am ganzen Körper zitternd, mit angsterfüllten Augen an. Du nahmst mich vorsichtig in den Arm, ich passte in eine deiner Hände, so klein war ich noch. Du öffnetest deine Jacke und schobst mich dort hinein, ich begann wieder zu schreien, aber deine Wärme und dein pochendes Herz beruhigten mich dann doch etwas.

So trat ich in dein Leben und mit meinem herumtollen und Blödsinn machen brachte ich dich zum lachen. Du nanntest mich liebevoll "mein kleiner Liebling" und obwohl ich einiges in deiner Wohnung kaputt machte, wurde ich, das kleine Katerchen, dein bester Freund. Jedesmal, wenn ich wieder was anstellte, hobst du mahnend deinen Finger und sagtest: "Wie konntest du nur!", aber sofort warst du wieder ganz liebevoll und zärtlich und hast mit mir gekuschelt.

Während deines Studiums hattest du durch dein vieles Lernen wenig Zeit für mich. Aber ich verstand das und spielte mit meinem Bällchen. Schön waren all die Nächte, in denen ich mich in deinem Bett ganz eng an dich schmiegte und das Leben perfekt erschien.

Du spieltest auch wieder mit mir herum und wir genossen beide unser Frühstück in der frühen Morgensonne und ich besonders die Leberwurst, von der du mir immer etwas abgabst. "Aber nicht zu viel, das ist für kleine Kater ungesund" sagtest du immer.

Und ich schlief solange, bis du von der Arbeit nach Hause kamst.

Im Laufe der Zeit verbrachtest du immer mehr Zeit auf der Arbeit als mit mir, um "Karriere" zu machen und auch die Abende warst du viel weg, um einen Menschenpartner kennen zu lernen. Ich wartete immer geduldig auf dich, tröstete dich bei jedem Liebeskummer und tapste mit meinen Pfoten deine Tränen vom Gesicht. Ich freute mich, als du endlich "deinen" Partner fandest. Zwar keinen Katzenfreund, aber ich respektierte deine Wahl. Ich war glücklich, weil du glücklich warst!

Dann kamen nacheinander deine beiden Kinder zur Welt. Ich teilte die Aufregung mit dir. Ich war von den süßen Kindchen so fasziniert, dass ich sie mit bemuttern wollte. Aber du und dein Partner dachten nur daran, dass ich den Kindern schaden, sie gar verletzen könne. Deshalb wurde ich auch noch aus dem großen schönen Raum ausgesperrt. In dein Bett durfte ich da schon lange nicht mehr.

Ich liebte die Kinder, und wurde ein "Gefangener der Liebe". Sie fingen an zu wachsen, und ich wurde ihr Freund. Sie zerrten an meinen Ohren, meinem Fell, meinem Schwanz, hielten sich auf wackligen Beinchen beim Laufen lernen an mir fest. Sie erforschten meine empfindliche Nase mit unbeholfenen Fingerchen, und ich hielt bei all dem geduldig still. Ich liebte alles an deinen Kindern, besonders ihre Berührungen, weil deine so selten wurden. Ich war bereit, die Kinder notfalls mit meinem Leben zu verteidigen. Ich war bereit, in ihre Bettchen zu schlüpfen, um ihre Sorgen und Träume anzuhören. Und zusammen mit ihnen erwartungsvoll auf das Motorengeräusch deines Autos zu hören, wenn du in unsere Straße einbogst.

Vor langer Zeit fragte man dich, ob du ein Haustier hättest und du nahmst dein Handy und zeigtest stolz Fotos und erzähltest liebevoll von mir. Die letzten Jahre antwortetest du nur noch mit einem kurzen "Ja" und wechseltest das Thema. Früher war ich dein "Schmusetiger" heute bin ich "nur ein Kater".

Du wurdest befördert und deine Karriere ging bergauf. Ihr musstet in eine andere Stadt dafür ziehen und du und deine Familie zogen in eine neue Wohnung. Haustiere waren dort KEINE erlaubt, der Vermieter hat es euch extra noch einmal gesagt und DU hast ohne zu zögern unterschrieben. Du hattest für dich und deine Familie eine Entscheidung zu finden, die richtig war. Obwohl ich einmal deine Familie war!

Die Autofahrt war spaßig, die Kinder waren dabei und wir waren alle zusammen. Doch der Spaß war zu Ende, als ich merkte, wo wir angekommen waren. Es roch nach Hunden, nach anderen Katzen, nach Angst, Desinfektionsmitteln, Hoffnungslosigkeit und Tod.

Du unterschriebst die Papiere und sagtest noch zu dem Herrn, dass man mit Sicherheit ein gutes Heim für mich finden würde. Der Herr schaute dich dabei komisch an, er verstand die Wirklichkeit, der ein Kater über die fünfzehn gegenüberstand.

Du musstest die Finger deiner jüngsten Tochter aus meinem Fell lösen, während sie weinte und schrie -so wie ich damals, als du mich fandest- "Nein ,nein nehmt mir meinen lieben Kater nicht weg!"

Ich wunderte mich noch, wie du deiner kleinen Tochter ausgerechnet in diesem Moment etwas von Freundschaft, Verantwortung und Loyalität vermitteln wolltest. Zum Abschied tipptest du leicht auf meinen Kopf, vermiedest dabei tunlichst mir in meine Augen zu sehen, und lehntest es höflich ab, meinen offen daneben stehenden Transportkorb wieder mitzunehmen. Du hattest einen wichtigen Termin einzuhalten, nun habe ich auch einen.

Kurz nachdem du weg warst, sagte eine der netten Damen, die auch dort waren, du hättest mit Sicherheit schon Monate vorher vom Umzug gewusst, und somit wäre genug Zeit gewesen, einen "guten Platz" für mich zu finden. Sie schüttelten bedrückt den Kopf und fragten leise: "Wie konntest du?"

Die Leute dort widmeten sich uns, wann immer es ihre Zeit zulies. Wir bekamen gute und reichliche Mahlzeiten, aber ich verlor meinen Appetit schon vor vielen Tagen.

Anfangs hoffte ich unentwegt, dass du zurückkämest, und mich hier rausholen würdest. Dass alles nur ein böser Traum gewesen wäre und ich aufwachen würde..... bei dir zu Hause....

Aber du kamst nie, nie mehr. Und dann, wann immer jemand an "meinem" Zimmer vorbei ging, presste ich bittend meine Pfoten durch jeden möglichen Spalt.

Gab es niemanden mehr, der mich mochte?

Niemanden, dem ich all meine Liebe, Dankbarkeit und zärtliche Treue schenken durfte?

Die Wahrheit war, dass ich es nicht mit den süssen kleinen knuddeligen Katzenkindern aufnehmen konnte. Unbeachtet, von allen übersehen und vergessen, zog ich mich in eine Ecke zurück und stand nicht mehr auf.

Eines Tages, am späten Nachmittag, hörte ich Schritte. Eine Frau kam in mein Zimmer, hob mich auf und trug mich über einen langen Korridor, der in einen Raum mündete.

Es war ein seliger, ruhiger Raum.

Die Frau legte mich auf den Tisch, streichelte behutsam über meinen Kopf und erklärte mir, dass ich mich nicht sorgen solle.

Mein Herz schlug voller Erwartung auf das, was nun kommen sollte. Gleichzeitig hatte ich ein Gefühl des Loslösens. Mir, dem Gefangenen der Liebe, gingen die Tage aus.

Ich war mehr um die nette Frau besorgt als um mich selbst.

Ich erkannte, dass sie an einer Last tragen müsse, die Tonnen wog. Sie band leicht etwas um meine Vorderpfote, während eine Träne ihre Wange hinunter kullerte. Ich schob meinen Kopf in ihre Hand, so wie ich es immer bei dir getan hatte, um dir meine Liebe zu zeigen.

Ich spürte einen leichten Einstich und eine kühle Flüssigkeit, die in mich hineinfloss. Ich streckte mich schläfrig aus, schaute dabei in die freundlichen Augen der Frau und murmelte:" Wie konntest du?"

Möglicherweise verstand sie mein leises Miauen, denn sie sagte:

"Es tut mir leid!"

Sie umarmte mich hastig und erklärte, dass es ihr Job sei, mir einen besseren Platz zu verschaffen, wo ich nicht missbraucht, ignoriert und verlassen sein würde. Einen Platz, an dem ich mich nicht verkriechen müsse, einen Platz der Liebe und des Lichts, der so anders sei als auf Erden.

Mit meinem letzten Funken Energie öffnete ich weit meine Augen und sah sie an, versuchte ihr so zu sagen, dass mein "wie konntest du" nicht an sie gerichtet war.

Ich dachte an dich, du mein geliebter Mensch. Ich werde immer an dich denken und auf dich warten.

Mein letzter Atemzug ist mein Wunsch, dass dir in deinem Leben immer diese Loyalität widerfährt, die ich dir entgegenbrachte!

***

Letztens im Netz gefunden - Schande über mich, ich weiß nicht mehr wo. Ich weiß nur, dass der Text einen Nerv getroffen hat.

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