~Ein tumultöser* Tag~

Veröffentlicht auf von p.

Noch 156 Tage.

Es wäre auch zu schön gewesen, wenn alles reibungslos funktioniert hätte. Als wir heute sogar staufrei und pünktlich im Stadion ankamen, hätte uns das stutzig werden lassen müssen ..

Aber von Anfang an. Eigentlich war es schon erstaunlich, dass die Tickets überhaupt rechtzeitig angekommen sind. Da war es schon realistischer, dass N. und ich einen Treffpunkt zwischen zehn und elf ausmachen, ich sowieso erst um halb zwölf bei ihr bin und wir im Endeffekt erst um kurz nach eins im Auto sitzen und losfahren, natürlich nicht ohne vorher noch bei der Bank vorbei zu fahren und auch der Tankstelle noch einen Besuch abzustatten.

Aber wie gesagt, trotz allem waren wir nach einer knappen Stunde in Köln auf dem gewünschten Parkplatz, haben sogar noch H. kennen gelernt, der als Kölner Mitglied schockiert über unsere Ticketbeschaffungsversuche war und uns spontan angeboten hat, demnächst als Ticketlieferant zu dienen. Telefonnummern und Adressen wurden ausgetauscht, H. spendierte uns sogar noch ein Bierchen und seinen Mitgliedsausweis, damit N. und ich im Fanshop nochmal richtig zuschlagen konnten ohne völlig pleite zu gehen.

Ein paar nette Mainzer ein Widerspruch an sich haben wir sogar auch noch kennengelernt - der Typ wollte uns sämtliche Vorteile und schöne Seiten von Mainz aufzählen, stoppte aber bereits bei Punkt a).

Gegen drei wollten wir dann in's Stadion gehen .. und standen vor verschlossenen Toren. Erste Gesprächsfetzen und eine halbwegs deutliche Stadionansage vermittelten die Info, dass das Spiel abgesagt wurde, weil der Schiri gestorben sei. Äääh ... was bitte? Dezente Fassungslosigkeit in den Blicken der Umstehenden. Handys wurden gezückt, beinahe jeder telefonierte mit irgendwem. Ich nicht. Zum Einen wusste ich nicht, wen ich anrufen soll, zum Anderen hatten meine Blase und ich Meinungsverschiedenheiten. Meine Blase gewann und so musste ich ohne weitere Informationen Richtung WC flüchten.

Zum Glück gehen ja immer mehrere Frauen auf's Klo .. und so stieß ich auf eine kurze Schlange wartender Weibleins, die sich über die Spielabsage unterhielten.

"Ich finde das menschlich ja sooo schlimm", meinte das Mädel vor mir mit Tränen in den Augen.

"Ich find's zum Kotzen. So ein Idiot ey!", war die Aussage des etwas jüngeren Mädels daneben.

"Ich kann das überhaupt nicht nachvollziehen!". Die Meinung des Mädels weiter vorne in der Reihe.

Kurz danach hatte ich dann endlich die Info, weswegen das Spiel abgesagt wurde - der Schiri hat am Vormittag in einem Kölner Hotel versucht, sich das Leben zu nehmen.

Achtung, ab hier wird es vermutlich arg böse und ich weiche von der Meinung der meisten Leute ab.

Denn eigentlich, so schlimm das Ganze auch sein mag, bin ich eher wütend. Auf den DFB wegen der Spielabsage mit der Begründung, man hätte keinen Ersatz gefunden und auf den Schiri an sich.

Niemand hätte das Spiel nach so einer Nachricht pfeifen können. Ach nein? Und die Schiris in den anderen Stadien? Die konnten pfeifen? Die Schiris, die morgen oder übermorgen im Einsatz sind .. die können pfeifen? Der DFB will mir ernsthaft erklären, dass es keinen Ersatz gegeben hätte, so dass das Spiel meinetwegen mit Verspätung um vier oder fünf oder sechs hätte angepfiffen werden können? Stattdessen werden mal eben fünfzigtausend Leute wieder quer durch Deutschland nach Hause geschickt? Ja nee, ist klar.

Und zum Schiri an sich: Wenn er sich wirklich hätte umbringen wollen ... tja. Was soll ich sagen? Ist natürlich total logisch, sowas wenige Stunden vor einem Bundesligaspiel zu versuchen. Es ist total logisch, das an einem Ort zu versuchen, an dem ich mit Sicherheit rechtzeitig gefunden werde. Folgendes ist deutlich unter der Gürtellinie - aber Robert Enke damals hat es wenigstens richtig gemacht. Wirklich tragisch für den Lokführer (und das meine ich ernst!), aber konsequent. Kein Hilferuf, sondern ein wirklicher Schlusspunkt, bei dem er wusste, es kann ihm keiner helfen. Aber hier? Im Laufe des Vormittags, das bedeutet nur kurze Zeit bevor er sich mit seinen Assistenten auf den Weg hätte machen müssen. Und dass die nachsehen, wo er bleibt ist doch wohl logisch, oder? Auch wenn es heißt, sie hätten ihn gerade noch rechtzeitig gefunden, er hätte schon viel Blut verloren. Trotzdem bleibt es ein sehr schwacher Suizidversuch. Und irgendwie regt mich diese ganze Betroffenheit gerade nur auf. Menschlich tut es mir für seine Familie leid, die mit Sicherheit geschockt sind. Nur wenn ich an ihn denke, werde ich echt wütend. Selbst wenn er verzweifelt ist .. warum dann so etwas? Warum ein halbherziger Versuch? Warum tut er das seiner Familie an? Jaja .. darüber wird er nicht nachgedacht haben, ich weiß. Krank, verzweifelt, ein armer Mann. Und trotzdem fehlt mir für ihn das Mitleid völlig.

Stattdessen bin ich wütend .. und finde es mehr schade für die vielen Fans, die aus allen Ecken angereist sind und teilsweise viele Stunden auf der Autobahn oder im Zug verbracht haben. Ich finde es schlimm für seine Familie. Und ich finde dieses ohmeinGottwirsindsoschockiertderarmeMann - Gerede von allen Offiziellen mehr als fürchterlich. Die Schiedsrichter in Deutschland seien ja so einem großen Druck ausgesetzt. Aha? Wer zwingt sie denn, diesen Job nebenher zu machen? Wer zwingt sie denn, in der Bundesliga zu pfeifen? Wer zwingt sie denn, das Geld zusätzlich zu kassieren? Wenn der Druck zu groß wird, dann höre ich halt auf. Punkt Aus.

Soll er meinetwegen wieder gesund werden .. aber ich hoffe, dass er nie wieder eine Bundesligapartie pfeifen wird. Dann soll er sich bitte auf sich und sein Leben konzentrieren .. und auf Wiedergutmachung für das, was er seiner Familie angetan hat.

Ja ich weiß .. keine Standardmeinung. Die meisten sind gerade damit beschäftigt, ihr ohjederarmeMann irgendwo anzubringen. Aber das kann ich nicht. Definitiv nicht.

 

* tumultös - Eine (neue?) Wortkreation des WDR2 - Moderators, der das Spiel von Freiburg kommentiert hat. Danke dafür.

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Veröffentlicht in ~22Helden~

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