~Madame~
Noch 15 Tage.
Habe ich mir eine neue Freundin gemacht? Wahrscheinlich. Aber ehrlich gesagt ist mir das völlig egal. Wenn Madame der Meinung ist, dass ihr die Welt gehört und das Personal nur zu ihrer Betreuung da ist .. dann bin ich gerne bereit, sie auf den Boden der Tatsachen zurück zu holen. Mir ist es dann auch relativ egal, ob ich dann die Böse bin oder was meine Kollegen alles machen.
Es geht um Madame B., die wir vor einigen Monaten von einem anderen Pflegedienst übernommen haben. Sie wollte eigentlich nicht wechseln, aber sie war für den anderen Dienst einfach nicht mehr wirtschaftlich genug ..
So landete sie schließlich bei uns, schimpft aber seit Anfang an über diesen Wechsel und betont immer wieder gerne, wie toll die Schwestern vom anderen Dienst waren und wie doof, unfreundlich, unfähig usw. wir doch sind.
Die gute Frau hat die Angewohnheit, sich nach dem Baden die Haare aufdrehen zu lassen. Von uns. Und bisher scheint das wohl auch jeder gemacht zu haben. Nur ich habe mich dann gestern morgen geweigert. Zum Einen bin ich feinmotorisch dazu nicht in der Lage - ich kämpfe ja schon bei mir, wenn ich mir die Haare mal fönen möchte, aufwendige Frisuren bekomme ich gar nicht hin - zum Anderen hat sie auch so ihr Zeitlimit voll ausgereizt bzw. überreizt.
Nicht, weil sie irgendwie besonders schwer zu pflegen wäre .. nein, Madame musste nur noch in aller Ruhe ihr Frühstück genießen. Wir sollen um acht Uhr da sein .. ich war um acht Uhr da. Trotzdem war sie noch lange nicht fertig.
Wir bekommen von der Kasse so ungefähr zwanzig Minuten, um jemanden zu baden. Das passt in den meisten Fällen auch recht gut. Bei ihr dauerte es schon alleine fünfundzwanzig Minuten bevor sie überhaupt in der Wanne war. Nein, immer noch nicht, weil's besonders schwierig ist .. sondern weil sie ja auch noch eben was trinken musste. Und nochmal von der Banane abbeißen. Und nochmal mit mir diskutieren, warum der Chef so unfreundlich ist. Und wieso ich nicht weiß, zu wem meine Kollegen fahren müssen oder wer nächste Woche zu ihr kommt. Und sich weiter beschweren, dass wir alle doof sind und die anderen ja so viel besser.
Nachdem ich sie dann in die Wanne geworfen habe ihr dann irgendwann beim Einsteigen in die Badewanne helfen durfte, wurde ich vor die Tür verbannt .. sie würde mich rufen, wenn sie wieder meine Hilfe bräuchte. Auf diesen Ruf durfte ich die nächsten zwanzig Minuten warten. Madame hatte es schließlich nicht eilig. Mittlerweile köchelte mein Blut dezent vor sich hin .. ich hatte ja nur noch ein paar Diabetiker auf meiner Liste stehen, die so mal eben eine Stunde später zu ihrem Frühstück kamen .. aber ist ja auch egal, Hauptsache Madame fühlt sich nicht gestresst, nicht wahr? Dezente Hinweise ignorierte sie dementsprechend auch völlig.
Irgendwann durfte ich ihr dann noch den Rücken schrubbeln und ihr wieder aus der Wanne helfen.
Die anschließende Diskussion über das Haare aufdrehen möchte ich im Detail gar nicht widergeben. Ja, ich war wahrscheinlich etwas unfreundlich. Ziemlich wahrscheinlich sogar. Aber eine gute Stunde für eine Ganzwaschung .. und das nur, weil Madame das so möchte und trödelt wo's nur geht .. das bringt mich einfach auf die Palme. Weil, siehe oben - sie ist eben nicht die Einzige Patientin in meiner Tour. Und selbst wenn ich ihr die Haare hätte aufdrehen können .. ich soll da noch mehr Zeit investieren? Nachdem sie anstatt eines "Guten Morgens" direkt Beschimpfungen los wird? Im Leben nicht. Dann soll sie halt an den Feiertagen 'rumlaufen wie ein explodierter Monchhichi.
Klingt böse? Mag sein. Aber irgendwie muss ich gelegentlich meinem Schwester Rabiata Ruf gerecht werden. Zum Glück muss ich ab morgen nicht mehr zu ihr - sie wohnt zu weit weg, als dass N. sie nochmal eben in meine Tour quetschen könnte. Ist vielleicht auch besser so.